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NEWSLETTER
Wir wünschen produktives Nach-Denken, geschicktes Handeln und ein gutes Gelingen, zu welchen Ergebnissen und durch welche Prozesse und Krisen Sie in diesem Jahr auch immer gehen werden. Herzliche Grüße,
Im Moment... befinden wir uns – so man dem Chor aus Politik, Finanzwelt und Medien trauen darf – in der Krise. Krise (griech. "krísis") heißt im eigentlichen Wortsinn „Entscheidung“, aber auch „Meinung“, „Beurteilung“ oder eine „auf einen Wendepunkt zulaufende Zuspitzung“. Dabei wird die Krise* in der öffentlichen Vermittlung vor allem dadurch beschrieben, dass wir es mit Rückgängen zu haben, mit Stagnation, mit einem Minus, damit also, dass etwas weniger wird. Sie wird vor allem als eine Finanzkrise beschrieben, bei der es um ein Weniger an Geld geht. Wenn aber etwas weniger wird, entsteht da nicht zwangsläufig auch Raum für ein Mehr? Die Konsequenzen der geplatzten Spekulationsblasen und aufgespannten Rettungsschirme, so heißt es, kommen erst mit einer Zeitverzögerung bei allen an. Online-Medien richten Krisenticker ein, die minütlich Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft melden. Dies schafft die Illusion von Information und Sicherheit: Zahlen suggerieren eine Messbarkeit und damit die Objektivierbarkeit und Ordnung in der Krise. Sie erwecken den Eindruck einer vertrauensbildenden Transparenz, die den Anschein erweckt, die Zusammenhänge verstehen zu können. Und doch – vormalige Gewissheiten sind erodiert und das „innere Klima” hat sich geändert: sicher ist unsicher. Möglicherweise ist dieses „innere Klima“ der Verunsicherung Ausdruck bereits vollzogener Veränderungen, die viel radikaler sind als der „bloße“ Zusammenbruch der Finanzwelt und sich schon längst ökologisch, ökonomisch und kulturell zeigen. Der Umgang mit Geld ist immer auch ein Ausdruck von Kultur. Ist also die Finanzkrise ein marginales Symptom für einen viel radikaleren Veränderungsprozess, der nicht als eine Finanz-, sondern als Kulturkrise einzuordnen ist? Wir spüren und leben bereits jetzt die Auswirkungen der globalisierten, multipolaren Systeme und Machtzentren, deren Komplexität wir dennoch kaum erahnen. Durch die Digitalisierung, dem Ferment der Beschleunigung, erleben wir die komplexen Verdichtungen zum einen fragmentiert und zum anderen hautnah. Ökonomisches Denken hat in den letzten Dekaden alle Lebensbereiche okkupiert. Eine Gruppe von Spielern hat sich im Virtuellen verhoben, seine Wirkungen in das Konkrete unterschätzt und damit die Substanz, die außerökonomischen Quellen, riskiert. Obwohl den ökonomischen Players bewusst sein müsste, dass Wirtschaft ohne außerökonomische Quellen auf Dauer nicht existieren kann, wurde dieser kulturelle, ökologische und ökonomische Konsens schon lange überstrapaziert, zugespitzt und wird mit der Finanzkrise letztendlich als Konflikt geöffnet. Angegriffen sind damit unsere bisherigen ökonomischen und kulturellen Übereinkünfte - die auf das politische System einwirken. Dieses hat sein aktives Gestaltungsmandat offenbar abgegeben und reagiert nur mehr zeitverzögert auf von anderen Systemen losgetretene Dynamiken.Sind dies Symptome einer Entwicklung, die der Soziologe Dirk Baecker als 'nächste Gesellschaft' andeutet? Die Trägheit der Gewohnheit Gewohnheiten geben Sicherheit - nicht umsonst steckt in dem Begriff Gewohnheit auch das Wort Wohnung. Die Dynamik der selbst erzeugten Krise hat uns vor die Haustür unserer Gewohnheitspaläste gesetzt. Das, was einmal richtig und eingeübt war, funktioniert nicht mehr. Wir erleben zunehmend konkret, was geschieht, wenn Gewissheiten infrage gestellt sind, ja wenn die Gewissheiten selbst zur Gefahr werden. Das reflexartige Festhalten am Altbekannten, einstmals Innovativen und bislang Bewährten und die damit einhergehende Trägheit stehen trotz besseren Wissens radikalen Transformationsprozessen entgegen. Dass diese nötig sind, ist Konsens – und alle ahnen, dass sie die Jobs, Existenzen und Lebensentwürfe Vieler berühren wird. Klassische Reaktionsweisen in Krisen sind oft der Rückfall in alte Verhaltensmuster und damit einhergehend die Verengung der Perspektive, die zu einem Rückgang der Kompetenz führt. Stark ausgeprägte Gewohnheiten, insbesondere wenn diese sich einmal als erfolgreich erwiesen haben, sind jedoch für das Schaffen von Neuem, für kreatives Denken abträglich. Eingespielte Wahrnehmungsmuster und immer gleiche Perspektiven können nur zu bestimmten Bewertungen, Einschätzungen und Entwürfen führen. Wer schon einmal versucht hat minimale Alltagsgewohnheiten zu ändern, weniger Kaffee, mehr Schlaf, endlich Fitness etc., kann sich die gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderung ausmalen. Im Kleinen wie im Großen gilt: Erst eine Krise, eine Notlage scheint uns zu neuem Denken oder sogar neuem Verhalten zu bewegen. So gesehen kann diese Krise womöglich sehr hilfreich sein, wenn wir achtsam mit ihr umgehen. Brauchen wir die Krise? Response Wenn wir unserer Position innerhalb dieses Szenarios gegenwärtig werden wollen, macht es Sinn, sich die eigenen kulturellen Vergangenheits- und Zukunftskonstruktionen anzusehen. Was führte dorthin, wo wir jetzt stehen? Was hat sich als hilfreich und was als hinderlich erwiesen? Welche Werte, bewussten und unbewussten ethischen Konstruktionen führen zu welchen Entscheidungen, Handlungen und Wirkungen? Und wer steht für was persönlich ein? Was wurde bisher übersehen oder übergangen? Klar scheint zu sein: Die Auswirkungen der Krise erreichen das Individuum wie die Gesamtheit. Niemand kann sich absentieren oder in seine Parallelwelt zurückziehen. Scheitern und Gelingen kommen in der Nische wie im Zentrum an, erreichen den Mainstream und die Subkultur. Es findet Hier statt, weil es auch Dort stattfindet, also nicht auf einem entfernten Kontinent, dessen Dramen wir aus der sicheren medialen Entfernung erleben können. Klar ist auch: Es gibt weder eine Lösung, die 'von unten', noch eine, die 'von oben' erzeugt werden kann. Die individuelle Verantwortung korrespondiert mit der Verantwortung des Systems. Einzelne Entscheider bilden die Spitzen komplexer Systemdynamiken, die ineinander wirken. Auch werden singuläre, einheitliche Lösungen in einer multipolaren Welt nicht möglich sein, denn es gilt hier das Gesetz der kritischen Masse: der Annäherungen, der Tendenzen, Atmosphären, Kippmomente. Jedes und jeder wirkt in das System hinein, die Unterlassung ebenso wie die Handlung, das Denken ebenso wie das Nicht-Denken, das Wissen ebenso wie das Nicht-Wissen. Daher kommt es auf alle und alles an, auf den großen Bogen wie auf das Detail. Leadership Der Begriff Leadership, als Bezeichnung eines/r Führenden und vielen Folgenden, wird hier zum Paradox. Gerade deshalb ist es wichtig, Leadership neu zu denken. In einer Untersuchung der Strategieberatung Booz&Company vom Dezember 2008 wird gezeigt, wie tief die Verunsicherung angesichts der Krise in vielen Chefetagen sitzt. 830 internationale Manager der obersten Führungsebene - davon 133 aus dem deutschsprachigen Raum - dokumentieren die Unsicherheit ihrer Entscheidungen. Das Ausmaß der Krise sei so immens, dass sich viele Unternehmenslenker am sichersten fühlten, wenn sie in gewohnter Weise weiter agieren. Ein Motto für dieses Verhalten könnte lauten: „Wenn das getan wird, was immer getan wurde, erhält man auch das, was man immer bekommen hat“. Sich heute so zu verorten ist ein Regressionsmodell. Die mit großem Getöse aufgespannten Rettungsschirme für Finanzwesen und Wirtschaft helfen nicht, wenn diese aus einer regressiven Strategie heraus konzipiert sind. Ihre Motivation geht dahin, die alten Systeme und ihr Denken zu erhalten, anstatt wirklich Möglichkeitsräume für das Neue zu schaffen. - In welchen immateriellen und geistigen Konstruktionen wollen wir zukünftig leben? - Welche kulturellen Übereinkünfte halten noch zusammen, welche werden konzentriert oder transformiert? - Welche neuen, globalen kulturbildenden Orientierungen braucht es in einer globalen Dynamik? - Gibt es neue kulturelle Demarkationen und wie entstehen neue Interaktionsszenarien? - Welche Haltungen und Verfahren öffnen die Laboratorien für das Neue? Weisheit im Ungewissen In den Strategiegleichungen dieser Tage stehen zahlreiche Unbekannte. Für eine rational orientierte Leadership-Kultur ist dies eine furchteinflößende Größe und verstörende Erfahrung. Wenn unbekannte Wirkfaktoren leitend sind, macht es da nicht viel mehr Sinn, Nichtwissen von vornherein als kreative Ressource zu betrachten und dieses Potenzial in Gebrauch zu nehmen? Während viele Energien darauf verwendet werden, möglichst viel Faktenwissen zusammenzutragen und dies zur Grundlage von Entscheidungen zu machen, wächst auf der anderen Seite analog das Nichtwissen ins potenziell Unendliche. Nun ist, wie wir von Heinz von Förster „wissen“, nur das Unentscheidbare entscheidbar. Gerade im Feld des Nichtwissens scheinen also die Lösungen für unsere Themen verborgen. Begibt man sich in dieses Feld, so erfordert dies eine Haltung, die dem Wesenskern von Nomaden, Pionieren, Forschern, Pilgern und Künstlern entspricht: die Bereitschaft die Kontrolle aufzugeben, Fragen zu stellen, ohne eine Antwort zu erwarten, die Fähigkeit, mit offenen Situationen umzugehen und Unerwartetes zu integrieren in ein Ganzes. Dies alles sind Qualitäten von (Ge-)Wohnungslosigkeit, die der Philosoph Vilém Flusser als kreative Situation beschreibt.
Kunst und Nichtwissen Für Künstler ist die Erfahrung von Nichtwissen ein essenzielles Arbeitsmittel. Erst durch das Eingehen von Risiken entstehen Optionen, in denen Möglichkeiten enthalten sind: „Gelingen“ und „Scheitern“ sind dabei lediglich Eckpunkte. Entscheidend für einen Künstler ist die eigene Prozessentwicklung im Finden von Lösungen angesichts unendlicher Möglichkeiten. Für Führungskräfte ist es hilfreich, sich mit solchen Landkarten des Nichtwissens zu beschäftigen und Haltungen zu entwickeln, die befähigen, sich darin zu bewegen Nichtwissen als Erfahrung ist ein Zustand des Vage-Seins, des Unbestimmtseins, des Träumens, des Sich-intuitiv-Anfühlens und schwer Versprachlichbaren. Wer kann sich das in den rationalen, sich nach allen Seiten hin absichernden Diskursen leisten, ohne Gefahr zu laufen in die Ecke der Hofnarren gestellt zu werden? Ein Künstler setzt sein Werk unbegründbar in die Welt und hält die Setzung aus. Im Schaffensprozess geht es darum, eine Haltung im Nichtwissen zu kultivieren, in der Offenheit, die Suchbewegung, das Erspüren, Erahnen, Erdenken und Erhandeln den Kern des Seins ausmachen. Dies geht nicht ohne die volle Aufmerksamkeit, eine konzentrierte Wahrnehmung und die gesamte Energie. Die innere Wahrnehmungs- und Aktivitätsnavigation bewegt sich von einem regressiven Anteil zu einem wissenden Anteil in den unbekannten Anteil, um sich dort einer fremden Situation auszusetzen. Dieser Prozess ermöglicht es, mit der eigenen Scham, der Berührtheit und der Wunde da sein zu können und dabei „unverletzlich“ zu sein. Denn diese Erfahrung fühlt sich subjektiv wie die Wahrheit an, in der ein 'gefühlter Sinn' spürbar ist. Dies ist ein Transfer.
Im künstlerischen Schaffensprozess werden die Wirkungen der eigenen Handlungen direkt erlebt: sie sind konkret, sichtbar, sensorisch, begreifbar. Im Unterschied zu den in der Finanzkrise eingegangen Risiken sind in der künstlerischen Erfahrung Ursache und Wirkung direkt miteinander verknüpft.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns gute Prozesse und persönliche und berufliche Entwicklungen in diesem Jahr, auf dass die Krise zu einer Transformation, Integration und Vertiefung unseres kulturellen Traums führt. Mit besten Wünschen Bernhard Vierling
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